user_mobilelogo

 

Berichte aus dem Schuljahr 2020/21

 

Berichte aus den vergangenen Schuljahren finden Sie im ARCHIV!

Kunstunterricht am Gymnasium

 

Im Rahmen des Kunstunterrichts bereitete die 7A unter Aufsicht von unserem Professor Benedikt Fundneider ein Projekt vor. In den letzten zwei Monaten beschäftigten wir uns intensiv damit. Es handelt sich hierbei um ein Negativ von unserem Mitschüler Rene Bonecker. Wir gingen wie folgt vor: Mit nacktem Eifer legte sich unser mit Vaseline eingesalbter Mitschüler auf den Tisch und bereitete sich mental auf die Prozedur vor. Die ganze Klasse beteiligte sich eifrig und zeigte großen Tatendrang. Renes Oberkörper wurde mit einem in Gips getauchten Leintuch überdeckt. Nun hieß es warten. Rene musste für lange Zeit seinen Atem kontrollieren und hat dabei sogar Tränen vergossen. Eine besondere Herausforderung war die eisige Kälte, die unter dem Leintuch herrschte. Mit einem Föhn versuchten wir, unserem verfrorenen Rene Wärme einzuhauchen. Dies forderte ganze drei Versuche, also sechs Schulstunden Arbeit. Nachdem diese Prozedur ganze zwei Male gescheitert ist, verließ uns die Hoffnung trotzdem nie. Denn alle guten Dinge sind drei: Beim dritten und allerletzten Versuch war nicht nur das Material knapp, sondern auch die Nerven lagen blank. Doch es ist geglückt und die Stimmung im Raum war unbeschreiblich

Auf den ersten Blick mag unser Kunstwerk der Toga eines Römers ähneln. Doch bei genauerem Hinsehen und Nachdenken fallen die großen Differenzen auf. Während die Toga nur ein Kleidungsstück ist, das zur Verhüllung des eigenen Körpers dient, ist ein Negativ oder unser sogenannter menschlicher Kokon de facto das Gegenteil: Er gibt die Realität wieder, verwandelt die lebendige Substanz in eine leblose Hülle, in einen Umriss der Realität. Es ist nicht die Verhüllung, sondern die pure Entblößung des menschlichen Seins. Eine Ambivalenz entsteht zwischen Kunst und Nicht-Kunst – sofern man Kunst überhaupt einen Rahmen geben kann -, die erst dann realisierbar ist, befasse man sich intensiv mit dem Prozess, der Geschichte und dem vollständigen Ergebnis.

Nachdem wir das Werk gemeinsam analysierten, blieben die individuellen Meinungen und Anschauungen trotzdem bestehen. Auch, als es an der Zeit war, den passenden Namen zu erörtern: Die SchülerInnen hatten eine Vielzahl an Ideen und Visionen, so war es letzten Endes nicht leicht, einen Siegertitel zu erkiesen. Auch der Name Nike fiel in unserem Diskurs über die Bedeutung des Werkes: Wie passt die griechische Mythologie mit unserem Projekt zusammen? Unser Projekt ist reich an mannigfaltigen Interpretationsmöglichkeiten: So lässt sich auch die Ähnlichkeit mit der Siegesgöttin feststellen: Nike von Samothrake, die im Louvre besichtigt werden kann, gleicht unserem Menschlichen Kokon zumindest in gewissen Punkten: So wird auch die Siegesgöttin kopflos, als Torso, dargestellt und auch das Gewand, welches sich locker um ihren Körper schwingt, ähnelt den Falten des Leintuchs.

Doch nicht nur historisch, auch biologisch wurde für die Namensgebung argumentiert: Wie die Odyssee der Entstehung eines Schmetterlings, von der unscheinbaren Raupe, die sich in ihrem Kokon zum einzigartigen Schmetterling entwickelt. Ist diese Entwicklung auch mit unserem Projekt vergleichbar? Zumindest die Namensgebung – Menschlicher Kokon – erinnert an jenen Werdegang. Nun veränderte sich unser Modell, Rene, im Gegenzug zu einer Raupe nicht, nachdem das in Gips getränkte Leintuch von ihm gehievt wurde, er sich also von seinem Kokon befreit hat. Und doch könnte der Kokon metaphorisch als Schleier, Rückzugsort, Versteck gedeutet werden. Ein Versteck, in dem die Metamorphose des Menschen, nicht in physischer Art und Weise, doch wohl in psychischer, vollzogen werden kann. Ein Rückzugsort von der hastigen Außenwelt, in welchem Wachstum und das Gedeihen des eigenen Geistes Platz findet. Ein Schleier, der periphere Einsicht verhindert und völlige Konzentration auf das eigene Sein ermöglicht.

Final wäre es unmöglich, dem Werk eine pauschale, allgemein gültige Interpretation aufzuerlegen. Mehr soll es ein individueller Blickwinkel sein, aus dem man unseren Menschlichen Kokon betrachtet. Ich möchte es also sagen wie Konrad Adenauer: Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.

 Sarah Dobernik und Lea Unterluggauer

Skulptur2022